Auf der Terrasse mit Hans Castorp

Theaterkritik, BT, 28.7.2017

Das traditionsreiche Hotel «Le Prese» in Poschiavo feiert sein 160-jähriges Bestehen mit einem Theaterstück. 
Noch bis im Oktober wird «Stella Alpina» gespielt – und das Publikum in die Vergangenheit zurückversetzt.

Das ist ein Ort, der einen sanft überwältigt. Der Blick geht hinaus auf den silbern glitzernden See, darüber die im Sonnenlicht glänzenden Hänge, am Himmel ein Wölkchen. An diesem Blick von der Terrasse des Hotels «Le Prese» in Richtung Süden, so denkt man unweigerlich, daran könnte man gesunden. Und wenn nicht, so wäre es ebenso in Ordnung, hier und jetzt aus der Welt zu gehen.

Man möchte dabei an Hans Castorp denken, Thomas Manns verirrten Helden auf dem «Zauberberg». Aber dafür hätte man vielleicht das Buch zu Ende lesen sollen. Sicher ist nur: Auf dieser Terrasse kommt man auf seltsame Gedanken.

Im Schwefelwasserbad
Vielleicht deshalb: Dieser Ort hat Geist und Geister, Geschichte und Geschichten. Der Ursprung des Hotels «Le Prese» liegt in der Nutzbarmachung einer naheliegenden Schwefelquelle: Drei im Ausland zu Geld gekommene Geschwisterpaare liessen hier, inspiriert vom Erfolg von St. Moritz und Scuol, ein Heilbad bauen. Mit Dampf geheizte Schwefelwasserbäder, die man in elf Badewannen aus Marmor in einem halbrunden Anbau nahm, angeleitet von einem anstaltseigenen Kurarzt.

Genau 160 Jahre ist das her, und in all den Jahren ist viel passiert: die Verwandlung der Badeanstalt in ein Hotel, der Kauf der Anlage durch die Kraftwerke Brusio, der Wiederverkauf an eine Privatperson 1997, die Schliessung 2008 – und der langsame Verfall des Hauses. Wer in gewissen Jahren hier vorüber ging, dem bot sich ein gespenstischer Anblick.

Doch dann kam die Rettung: Die Baslerin Irma Sarasin, deren Mann lange Jahre im Verwaltungsrat der Kraftwerke Brusio (der späteren Repower) sass und so eine enge Beziehung zum Puschlav besass, wurde auf den Zustand des Hotels aufmerksam. Sie kaufte, renovierte, investierte – und seit vier Jahren ist das Hotel nun wieder offen.

«Theater Jetzt» – und hier
Auf dieser Terrasse kommt man auf seltsame Gedanken. Vermutlich ist das auch Oliver Kühn so ergangen, dem kreativen Kopf hinter dem Zürcher «Theater Jetzt». Bereits vor drei Jahren realisierte er im Puschlav mit Profis und einheimischen Laien ein Stück zur lokalen Geschichte. Nun hat er zum 160-Jahr-Jubiläum des «Le Prese» einen szenischen Rundgang über Geschichte und Gegenwart des Hauses am See inszeniert. Noch bis im Oktober finden Aufführungen statt.

«Stella Alpina» heisst die Produktion. Die Idee: Das Hotel wird wieder zum Sanatorium, wo sich die Elite trifft, um gesund zu werden an Geist und Körper. Das Publikum wird dafür in Gruppen aufgeteilt, die in verschiedenen Räumen des Hotels – vom Lesesaal über die Mansarde bis zum Heizungskeller – in kleine Erzählungen involviert werden. Mal sind die Miniaturen skurril und absurd, mal dokumentarisch und realistisch, mal auf Deutsch, mal Italienisch. Oliver Kühn höchstselbst schlüpft an einem Ort in die Rolle des Hofrat Behrens aus Thomas Manns «Der Zauberberg», um einem aus dem Publikum erkorenen Hans Castorp – es trifft den Schreibenden, natürlich – zu diagnostizieren: «Krank sind Sie. Und sollten noch eine Weile bleiben.»

Aber gern, denkt man so vor sich hin, wenn man in Grüpplein übers Hotelgelände geht, auf die Terrasse zum Beispiel, wo eine Yogalehrerin (Elena Morena Weber) ihre selbst kreierte Chakra-Übungen anleitet. Oder ins Zimmer im ersten Stock, wo eine naschende Schönheit (Martina Flück) sich mit Jane Fondas
Aerobic-Videos von den Süssigkeiten abzulenken versucht. In der Mansarde erzählt Direktorin Oria Gervasi vom Alltag im Hotel und von der alten Schwefelquelle, die nur fliesst, wenn der See den richtigen Pegelstand aufweist. Im Keller wiederum lädt Kühn zur Aktionärsversammlung der Kraftwerke Brusio, um das Hotel und insbesondere die Schwefelquelle zu kaufen, damit das Unternehmen endlich Strom für die Bahn produzieren kann.

Poschiavo
Stella Alpina

Gespenstischer geht’s im Bagno zu und her, wo eine Dame mit silberner Perücke (Boglarka Horvath) in der alten Marmorwanne steht und raunt, sie sei schon seit Jahrhunderten hier und werde es noch lange sein, denn diesen Jungbrunnen werde sie nicht mehr verlassen.
Ein Saxofonist und ein Gitarrist stehen derweil im klassizistischen Treppenhaus mit seinem roten Läufer und dem bunten Blumenpanorama. Die jazzigen Klänge von Valentin Baumgartner und Andi Bissig lassen Zeiten gegenwärtig werden, die in diesem Hotel längst vergangen sind. Und nun jeweils für die Dauer eines Abends wiederauferstehen. Gespenstisch auch das gute Dutzend Personen, das in glitzernder Sportkleidung und in Slow Motion durch das Hotel schreitet – so richtig erschliessen will sich das nicht.

Doch das ist gar nicht so wichtig. Durch die mosaikartige Struktur des Abends fügt sich nach und nach das Bild der letzten 160 Jahre dieses Hotels, aber auch der Diskurse über Gesundheit, Körperoptimierung, Heimat und Ausverkauf zusammen. Bis man am Ende wieder auf der Terrasse sitzt, im Dunkeln platscht der See, und das Wasser alle seltsamen Gedanken verschluckt.

Weitere Aufführungen: 24./25./28.29 August, 28./29 September, 5./6./12./13. Oktober, jeweils 20 Uhr. Infos: 081 839 12 00, info@hotel-le-prese.com.

Advertisements